Neuheiten
Hauptreihe
Nebenreihe
Elektroakustische Musik
Koproduktion
Kunst / Historisch
Reihe "Parallele"
Auftrags-Editionen
Klassik / Historisch
Hörbücher
Edition Wandelweiser
Im Vertrieb
Gesamtkatalog
Home
Impressum
Bestellung
English
   Reihe "Parallele"

Sechs Spiegel (Innig, nicht rasch)

Die analytische und zugleich poetische Strategie einer Integration von Kunst und Natur, der Verschmelzung von konstruktiv-logistischen Gestaltsystemen mit metasprachlichen Erfahrungsspielräumen, verweist auf die Entwicklungsgeschichte von Futurismus und Fluxus. Am Bauhaus beschäftigte sich vor allem Oskar Schlemmer mit dne plastischen Eigenschaften der an sich unsichtbaren organischen Funktionen wie Herzschlag, Blutlauf, Atmung, Hirn- und Nerventätigkeit im Kontext zum kubisch-abstrakten Raum. Später war es Joseph Beuys, der vom Ohr als Wahrnehmungsorgan für Plastik sprach.
"Die andere Ästethik", so Ezra Pound in einem Aufsatz über den Futuristen George Antheil, "will das Bewußtsein auf eine definitive Form oder einen bestimmten Rhythmus mit einer Eindringlichkeit lenken, daß man nicht nur dieser Form, sondern auch allen weiteren Formen, Rhythmen, umgrenzten Flächen und Massen neu gewahr wird."

Ein programmatischer Ansatz für das Verständnis der Klang und Lichtrauminstallationen von Christina Kubisch. Sie intoniert gewissermaßen ein antipodisches Raum-Zeit-Kontinuum: Der reale Raumbezug wird aufgehoben, entgrenzt, neu konzipiert. Die Aura oder das "Fluidum" (Schlemmer) eines bestimmten Raumes nimmt in ihren Arbeiten Gestalt an. Sie materialisiert Licht- und Klangspuren zur Be-zeichnung des Anderen im Raum.

Mit ihrer Installation in der Sarbrücker Ludwigskirche thematisiert Kubisch das "Nachbild" des nach der Bombenzerstörung 1944 wiederhergestellten Innenraumes. Tatsächlich ist dieser protestantische, dem Spätbarock zugeschriebene Kirchenbau kaum vergleichbar mit der Sakralarchitektur der katholischen Gegenreformation. Der klassisch gebildete, für seine Zeit postmoderne Joachim Friedrich Stengel inszenierte zwar jenen von Jacob Burckhardt definierten "erhöhten Moment des Daseins", aber ohne Ekstase. Die dominant in Weiß gehaltene Innenarchitektur vermittelt bei aller Leichtigkeit des Scheins den Eindruck einer verhaltenen, fast gefrorenen Bewegtheit. Der kubische Hauptraum, die geometrische Mitte des kreuzförmigen Grundrisses in einem eingeschriebenen Zwölfstern aus gleichseitigen Dreiecken motivierte Kubisch, die an der Balustrade der Orgelempore gegebenen sechs Postamente, je drei links und rechts der Kanzel, als neue "Triangulatur" der auf den pythagoräischen Zahlenverhältnissen beruhenden Raumsprache vorzuführen. Entsprechend den ebenfalls pythagoräischen Grundgegensätzen von Licht und Nacht. Aber auch im Geiste Heraklits, der als Urvater des Fluxus-Denkens im Zusammenfallen des Entgegengesetzten, in der fließenden Wechselbeziehung von Körperlichem und Unkörperlichem "Stücke vom Wesen der Welt" erkannte.

Kubisch überblendet die sogenannten (blinden) "Spiegel" der sechs Emporenpostamente mit lichtempfindlich pigmentierten Schiefertafeln. Durch verdeckt vorgeblendetes Schwarzlicht beginnen diese invertierten Spiegel zu leuchten, legen mit der zunehmenden Dämmerung einmal topografisch anmutende, transluzierend farbige Oberflächenstrukturen des Urgesteins frei, dann wieder öffnen sie sich zu Fenstern in eine gewissermaßen über-sinnliche Dimension. Nicht zuletzt sind es die Spiegelbilder, die wie elektronische Bildschirme strahlen.

Jeder Stein erzählt seine eigene Geschichte, reflektiert sein urzeitliches Nachbild. Jeder der sechs Spiegel strahlt einen spezifischen Klang aus, Klangbilder von schwingenden Gläsern, bezogen auf die Stengelsche Raumsprache leicht variierend in Form und Frequenz, verwoben zu minimalistischen Klangraumspiegelungen. Schwebend, wie die in die Kreuzraumachsen eingespannten Emporen. Atavistische Klangkörper, hergestellt aus dem kreisenden Streichen der Finger über den Rand von unterschiedlich gefüllten Trinkgläsern. Plastisch und bewegt. Plastisch und ruhig. Innig, nicht rasch: "Robert Schumann war einer der ersten Komponisten, der die starren Standardangaben für die Ausführung von Musikstücken in italienischer Sprache durch 'persönliche' Angaben wie 'innig, rasch, bewegt' ersetzte, und so - wie Roland Barthes im Kapitel 'Der Körper der Musik' sagt - das zur Angabe verwendete Wort zum Sammelbecken der Signifikanz macht" (Kubisch).

Christina Kubisch experimentiert im Wahrnehmungsfeld der wechselseitigen Durchdringung von Raum- und Zeiterfahrung. In ihrem Saabrücker Projekt versucht sie nach ihren eigenen Worten, "durch das Material von Jahrtausende alten Steinplatten, durch Licht als nicht mathematisch erfaßbares Phänomen, durch Klänge von Gläsern, deren zerbrechlicher und undefinierbarer Klang im Gegensatz zur Ordnung der Zahlen steht", auf das "zwiespältige Verhältnis zur Geschichte dieses Raumes" einzugehen. Sie versucht, jene von Kant formulierte "Zweite Natur" des Kirchenraumes hör- und sichtbar zu machen.
Weiterführende Links und Downloads:
Documentation of the installation in the Ludwigskirche Saarbrücken (18.12.94 - 29.01.95)  ...mehr
VOM KÜNSTLER
Dokumentation eines Projekts anläßlich des Kulturhauptstadtjahrs Ruhr.2010, dem die elektromagnetische Kartierung des nördlichen Ruhrgebietes zugrunde liegt. ... mehr

Konzert und Klanginstallation, hrsg. von Carsten Seiffarth und Michael Moser ... mehr

Ringbuchkatalog mit 2 CDs
Kompositionen von Francois Donato, Tom Johnson, Christina Kubisch, Ron Kuivila, Alvin Lucier, Wolfgang Mitterer, Adrian Moore, Jose Antonio Orts, Ed Osborn, David Prior, Martin Riches, Mario Verandi ... mehr

A composition for the clocktower of MASS MoCa, Produktion: MSS MoCa. ... mehr

Documentation of the installation in the Ludwigskirche Saarbrücken (18.12.94 - 29.01.95) ... mehr

Vier Kompositionen der 1948 geborenen Künstlerin ... mehr

Glossar
Kant
Copyright © 2015 Edition RZ, Robert Zank.  |  eMail: info@edition-rz.de  |   Powered by Kinetiqa GmbH